Man muss das Wichtigste in den Mittelpunkt stellen

- die Anbetung

Die Kirche braucht eine spirituelle Rückbesinnung

Ein Interview mit dem emeritierten Kölner Weihbischof Dr. Klaus Dick


Die erste Auslandsreise des Heiligen Vaters findet weltweit Beachtung.
Schon vor der Anreise wurden aus unterschiedlichen Gruppen der Kirche Erwartungen formuliert.
Nicht alle sind realistisch. Was gehört eigentlich zum «Kerngeschäft» des Nachfolgers Petri?
Darüber sprach der Theologiestudent Benedikt Bögle mit dem emeritierten
Kölner Weihbischof Klaus Dick.

Wir danken der Redaktion der Zeitschrift "Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt"
für die freundliche Genehmigung, den Artikel hier veröffentlichen zu dürfen.
(SKS, Ausg. 16, 11.August 2013)



Benedikt Bögle: Exzellenz, viele Kritiker werfen der Kir-che gern eine Art «Reformstau» vor. Sie erwarten von Papst Franziskus radikale Änderungen: Frauenpriester-tum, Abschaffung des Zölibats, Anerkennung homosexu-eller Partnerschaften. Kann man das von ihm erwarten?

Weihbischof Klaus Dick: Keineswegs, denn auch Papst Franziskus wird katholisch bleiben. «Reformstau» ist in diesem Zusammenhang einer der unsinnigsten Be-griffe. Reformstau bedeutet, dass Probleme da sind, die man dringend angehen müsste, die man aber bisher nicht angegangen hat. Und zu all diesen Themen -Zölibat, Homosexualität, Frauenpriestertum - hat man schon intensivste Überlegungen angestellt. Das Problem ist gelöst. Sie können alle Probleme in ihrem Gewicht immer rückführen auf Glaubensmängel.

Benedikt Bögle:
Was hilft denn am besten gegen derar-tige Glaubensmängel? Erneuerung?

Weihbischof Klaus Dick: Das Gnadenleben ernster zu nehmen hilft. Das ist die Forderung für alle, zu jeder Zeit. Deshalb gibt es die heilige Beichte. Und weil diese für viele abgeschafft ist, ist die entscheidende Erneuerung gar nicht im Blick: Sie setzt da an, wo Gott mir vergeben hat und ich mit einem guten Vorsatz den nächsten Ab-schnitt meines Lebens gestalten müsste. Das kann kon-kret bedeuten, etwa für mehr Berufungen zu beten. Eine Gemeinde, die nicht für Priester betet, hat auch innerlich keine Berechtigung, wieder mehr Priester zur Verfügung zu haben.

Benedikt Bögle:
Viele Priesterseminaristen und Theo-logiestudenten scheinen heute wertkonservativer einge-stellt zu sein als ihre Vorgesetzten und Professoren der 68erGeneration. Woran liegt das ?

Weihbischof Klaus Dick: Im guten Sinn wertkonservativ muss jeder Katholik sein. Ein Museums-direktor, der wertvolle Rembrandt-Gemälde hat, kann auch nicht sagen: Die lasse ich alle überpinseln, weil die Maltechnik heute anders ist als damals. Dass die heutigen Theologen konservativer sind als die wesentlich von der 68er-Generation geprägten, liegt daran, dass man jetzt deutlicher die Nachteile der damaligen Erneuerungen sieht. Damals wurden sie gefeiert, doch in Wirklichkeit waren sie eine Minde-rung des religiösen Lebens. Es geht einfach darum, ob wir als Kirche Kirche sind im richtigen Sinn. Eine der wesentlichen Aussagen des Zweiten Vatikanums war ja, dass die Kirche wie ein Sakrament ist. Sakramente haben äußere Zeichen und innere Gnade. So hat die Kirche äußere Strukturen und innere Gnadenwirkungen. Wenn man das nicht anerkennt, dann gehört man innerlich nicht zu dieser Kirche.

Benedikt Bögle:
Ein beliebtes Schlagwort unserer Zeit, wenn es darum geht, die Kirche zu kritisieren, ist der «Zölibat». Auch jungen Menschen, die prinzipiell an einem geistlichen Weg interessiert sind, kann er ein längeres Kopfzerbrechen bereiten. Zumal die Entscheidung, der Berufung zum Priester zu folgen, immer auch eine Entscheidung für diese Lebensform beinhaltet, die man bewusst treffen muss. Woran erkennt ein junger Mann, dass er dafür geeignet ist?

Weihbischof Klaus Dick: Ich würde lieber sagen: Es geht bei der Berufung wirklich um die Berufung ins Priestertum. Als Folge davon ergibt sich dann auch die Überprüfung: Bin ich fähig, auf Ehe und Fa-milie zu verzichten? Das wiederum kann ich nur sein, wenn, es ein wirklicher Verzicht ist, nicht, weil ich es sowieso nicht könnte oder möchte. Und wenn zweitens erkannt wird, dass dieser Verzicht Kräfte frei-setzen soll, die sonst durch die Familie gebunden wären, die dann aber den Menschen zukommen, für die man da ist.

Benedikt Bögle:
Was ist nötig, um als Priester im Zölibat bestehen zu können?

Weihbischof Klaus Dick: Mir hat vor langer Zeit ein Mitbruder erzählt, dass er von einem älteren Herrn gefragt wurde: «Herr Kaplan, was tun Sie eigentlich, wenn Ihnen ein hübsches Mädchen begegnet?»
Und er sagte: «Entschuldigen Sie, aber Sie sind doch verheiratet?» Der Mann sagte: «Ja.» Darauf der Kaplan: «Genau dasselbe, was Sie tun.» Das war die beste Antwort.

Benedikt Bögle:
Welcher Aspekt des Zweiten Vatikanums sollte für die Priesterausbildung noch mehr beachtet werden? Gibt es zu viele Experten?

Weihbischof Klaus Dick: Das gilt für die Priesterausbildung wie für unser ganzes kirchliches Leben heute: Wenn in der heutigen Diskussion - egal ob das auf der hohen Ebene des Dialogprozesses ist oder in kleinen Gruppen, die sich um den Glauben mühen - nur die mitreden dürften, die die Beschlüsse des Zweiten Vatikanums gelesen haben, wären wir gut dran: Ich diskutiere auch mit niemandem über das Nibelungenlied, wenn er das noch nicht gelesen hat.

Benedikt Bögle:
Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben die Neuevangelisierung in den Mittelpunkt ihres Pontifikates gestellt. Wo findet Ihrer Meinung nach wirksame Neuevangelisierung in statt ?

Weihbischof Klaus Dick: Die Nightfever-Bewegung ist ein guter Ansatz: Sie stellt bewusst das Wich-tigste in den Mittelpunkt - die Anbetung. Manche Gemeinden führen Glaubensgespräche und gehen mit Jugendlichen den Youcat systematisch durch. Wertvolle Arbeit leisten auch die nicht wenigen neuen geistlichen Gemeinschaften, die alle - so sagte es Kardinal Höffner - eucharistisch, marianisch und kirchlich-päpstlich ausgerichtet sind.

Benedikt Bögle:
Welche Wege muss die Kirche gehen, um das Evangelium gerade auch dort zu ver-künden, wo es ungelegen kommt, wo man es nicht kennt ? Ist es nötig, den Laien mehr Kompetenzen zu geben?

Weihbischof Klaus Dick: Die Kirche sollte die Wege gehen, die immer schon da waren. Wichtig ist, dass man zunächst die Menschen in den Blick nimmt und mit den Mitteln, die heute möglich sind, Aktivi-täten entfaltet. Kardinal Höffner pflegte zu sagen: Unsere Laientheologen sollten nicht unbedingt darauf drängen, dass sie immer möglichst viel im Chorraum der Kirchen mitmachen können, sondern dass sie da sind, wo sie dringend benötigt werden: in den Redaktionen unserer Zeitungen, in den Sendeanstalten und in den sonstigen Vermittlungsstellen.
 

 

aktualisiert am: 29.05.2019

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