Monatsbrief 8/2020




Klaus-Peter Vosen, Pfr.
Diözesanpräses der Theresianischen Familienbewegung
„OmniaChristo“ in der Erzdiözese Köln
Schwalbengasse 12-14, 50667 Köln

Köln, am 13. August 2020


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

als am 29. Juli 1894 der heilige Louis Martin nach langer Krankheit starb, war das ein herber Einschnitt im Leben seiner Töchter. Wie alle Menschen, denen ein ihnen Nahestehender in Gottes Ewigkeit vorausgegangen ist, mussten sie sich an den Gedanken gewöhnen, dass der, den sie liebten, nicht mehr mit ihnen zusammen auf dieser Erde lebte. Jeder bewältigt einen solchen Lebenseinschnitt auf seine Weise, der eine besser, der andere schlechter.

Bemerkenswert sind die Worte unserer Patronin, der heiligen Theresia, die sie in dieser Lebenslage an ihre Schwester Léonie im Heimsuchungskloster in Caen am 20. August 1894 schreibt: „Papas Tod macht auf mich nicht den Eindruck eines Todes, sondern eines wirklichen Lebens. Nach sechsjähriger Abwesenheit finde ich ihn wieder. Ich fühle, wie er um mich herum ist, mich anschaut, mich beschützt …“ Das bedeutet: Unsere Heilige fühlte gerade durch dessen Tod ihren Vater in eine Nähe zu sich versetzt! Eigenartig, möchten wir sagen: Wo ist denn da die Nähe zu spüren? Wir hören die vertraute Stimme nicht mehr, sehen das liebe Gesicht nicht, können einem, der in die andere Welt gegangen ist, nicht mehr die Hand reichen. Fern scheint er (oder sie) gerückt. Wie kann man da von Nähe sprechen? Wahrscheinlich urteilen wir aber einfach zu sehr nach den Maßstäben dieser Welt. Nähe ist etwas, das von uns sehr irdisch gedacht wird. Das konnten wir eben schon bemerken, als wir sie umschrieben: eine menschliche Stimme hören, einen Menschen mit den Augen unserer Liebe wahrnehmen, ihn - körperlich - liebend zu berühren. Ist das wirklich der Inbegriff der Nähe oder gibt es nicht noch eine andere, intensivere Variante, jemandem nahe zu sein? Wir sprechen oft von der Liebe Gottes, von der wir im Glauben annehmen, dass Er in ihr uns näher ist als selbst der liebste Mensch uns nahe sein kann. Ist diese Liebe hörbar, sichtbar, erfassbar? Und dennoch ist sie da, und sie ist realer und werkmächtiger als alles auf Erden, weil Gott uns durch sie vom ewigen Tod wahrhaftig befreit und uns den Weg zum Himmel eröffnet hat. Manchmal leuchtet ein kleiner Abglanz von ihr in unserer Seele auf, wir erahnen sie für einen Moment oder eine kurze Spanne, wenn wir still werden und uns in die Betrachtung von Gottes Geheimnissen zurückziehen. Hier ist die heilige Theresia uns gegenüber in einem gewissen Vorteil. Sechs Jahre lang war sie schon in der Verborgenheit des Klosters, als der Vater starb. Sie hatte sich in dieser Zeit von den Fesseln der Erde innerlich wirklich ganz frei machen können und hatte immer klarer erkannt, wie relativ das ist, was wir als irdisches Glück bezeichnen. Aus diesem Abstand heraus vermochte sie den Dingen besser auf den Grund zu kommen als uns das gelingt. Es war ihre tiefe Gewissheit, dass es eine andere Nähe gibt, die viel stärker und intensiver ist als jene, die wir in irdischer Hinsicht kennen: eine Nähe, die zwischen dem liebenden Gott und jenen Menschen besteht, die sich von seiner Liebe haben ergreifen lassen. In dieser Nähe Gottes bleiben auch uns jene nahe, die irdisch gesehen gestorben sind, aber bei ihm leben dürfen, weil sie in seiner Gnade hinübergingen. So ist für Theresia der Tod ihres Vaters letztlich Leben. Er lebt in Gott, und da darf sie ihm täglich gleichsam begegnen, wenn sie betet oder Christus in der heiligen Kommunion in ihr Herz aufnimmt. Wir können hier auch an Theresias Wort angesichts ihres Todes denken: „Nicht der Tod wird mich holen, sondern Gott“, oder an ihre Umschreibung des Sterbevorgangs: „Ich trete in das Leben ein!“

Liebe Damen und Herren, liebe Freunde, wer sich müht, der heiligen Theresia auf ihrem Weg zu folgen, der wird die Nähe seiner Verstorbenen, die er immer wieder vermisst, in neuer und lebendiger Weise erfahren dürfen. Er wird, ähnlich wie sie, sprechen können: Ich spüre, wie meine verstorbenen Lieben um mich herum sind, wie sie mich anschauen, wie sie mich beschützen. Wer die Welt realistisch betrachtet, weiß, dass wir eigentlich hier „im Tod“ sitzen, während unsere Verstorbenen ins Leben gegangen sind; in einem Leben, das auch wir hier und jetzt schon leben können, wenn wir alles in die richtige Reihenfolge bringen und zuerst das Reich Gottes suchen. Freuen wir uns der Nähe Gottes und der Nähe jener, die uns zu ihm vorausgingen, genießen wir sie und freuen wir uns darauf, in unserem Leben der vollendeten Nähe entgegen zu gehen – dem Wiedersehen mit unseren Lieben, wenn wir mit ihnen Gott in seiner Liebe, Größe und Schönheit sehen dürfen von Angesicht zu Angesicht! Bleiben wir miteinander auf dem Weg zu ihm!

Ich hoffe, liebe Damen und Herren, liebe Freunde, dass diese Gedanken in zeitlicher Nähe zum himmlischen Geburtstag des heiligen Louis Martin Euch und Ihnen gut tun werden. Vielleicht sind wir eher für sie empfänglich in einer Zeit, da uns die „Corona“-Pandemie schon räumlich in eine größere Distanz zur Welt hinein versetzt hat, in einer Zeit, in welcher aber zugleich die Sehnsucht nach den ewigen Gütern durch das lange Abgeschnittensein vieler vom Empfang der heiligen Eucharistie in ihren Herzen mächtig angestiegen ist.

Mit herzlichem Gruß und mit meinem priesterlichen Segen in theresianischer Verbundenheit,

Ihr / Euer

Klaus-Peter Vosen, Pfr.

(Diözesanpräses der Theresianischen Familienbewegung
"OmniaChristo" in der Erzdiözese Köln)



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aktualisiert am: 18.08.2020

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