Osterbrief 2017


aus einem Missale Romanum



Osterbrief von Pfarrer Vosen
an die Wallfahrtsgemeinde


Liebe Pilger, liebe Freunde von St. Maria in der Kupfergasse,
liebe Brüder und Schwestern,

Der Sorge um soziale Gerechtigkeit muß sich das Christentum in besonderer Weise verpflichtet sehen, denn die Nächstenliebe ist von der Gottesliebe nicht ablösbar. Der Herr macht daraus ein Doppelgebot und lehrt und: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (vgl. Mt 25,40). An diesem Sachverhalt kommen wir nicht vorbei, auch wenn einige meinen, daß die Kirche sich heute „zu sehr“ auf das Soziale verlege.

Andererseits ist gerade die Sorge um soziale Gerechtigkeit, wenn sie tief genug geht, offen für die Frage nach dem Himmel. Unser emeritierter Papst Benedikt XVI. hat bei dem Philosophen Adorno einen in dieser Hinsicht wichtigen Gedankengang entdeckt: „Damit wirklich Gerechtigkeit sei in der Welt, müßte es Gerechtigkeit für alle und für immer sein; das heißt Gerechtigkeit auch für die Verstor-benen … eine Gerechtigkeit, die auch das unwiderruflich geschehene Leid widerruft und gutmacht.“ Adorno „fordert“ also gleichsam eine Auferstehung der Toten im Namen der Gerechtigkeit. Benedikt XVI. ist ihm hier gefolgt und hat gerade auch in diesen gedanklichen Kontext hinein die Botschaft von der Auferstehung formuliert.

Die Auferstehung der Toten ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Glaubensbekenntnisses. Wie der heilige Völkerapostel Paulus aber überzeugend akzentuiert hat, ist dieser Glaubensartikel nur sinnvoll, wenn ihm der Glaube an die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus vorausgeht. Dieses Grunddatum unseres Bekenntnisses, dieses wirkliche historische Ereignis feiern wir zu Ostern. Und wir dürfen es niemals zulassen, daß Auferstehung zum bloßen Fortleben einer Idee oder Sache oder zu einem Frühlingsmythos vom ewigen „Stirb und werde“ umgedeutet wird. Wer allzu blumig Glaubens-wahrheiten zu aktualisieren versucht, sagt oft zu wenig, selten „genug“ von unserem Glauben aus. Verwaschene, nebulöse Formulierungen, die fromm daher zu kommen scheinen, sind oft nur Ausdruck eines mühsam kaschierten Unglaubens. Wir wollen an dem urchristlichen Bekenntnis festhalten, daß der Herr lebt, daß er wirklich und wahrhaft von den Toten auferstanden ist. Das ist alles andere als eine „abgehobene“, erdferne Sichtweise und Auffassung, sondern von höchster sozialer Relevanz und Brisanz.

Wenn Christus auferstanden ist, bedeutet das, daß es wahrhaft Gerechtigkeit für die Welt gibt. Wie Papst Benedikt XVI. sagt: „Gott läßt nicht einen Teil seiner Schöpfung lautlos im Gewesenen versin-ken.“ Das gibt allem irdischen, christlichen Einsatz für die soziale Gerechtigkeit erst den letzten Schwung und die rechte Spannkraft. In der Kraft des unverkürzten und unverfälschten Osterglaubens sind wir glaubwürdige und tatkräftige Mitarbeiter und Sendboten der Gerechtigkeit von Gottes Reich, das schon hier und jetzt beginnt, wenn es sich auch erst im Himmel vollendet. Wer den sozialen Einsatz für den Nächsten predigt und betreibt, hat also allen Grund, für den vollen Osterglauben einzutreten und ihn zu verkünden. Er weiß ja, wie sehr auch das beste menschliche Tun Stückwerk bleibt, wenn Gott nicht sein vollendendes Wirken anschließt.

In seiner Osterpredigt 2006 hat Papst Benedikt ausgeführt: „Ein deutscher Theologe hat einmal ironisch gesagt, das Mirakel einer wiederbelebten Leiche – wenn es denn stattgefunden habe, was er nicht glaubte – sei letztlich unwichtig, es betreffe uns ja nicht.“ Darauf entgegnet der heute emeritierte Pontifex, daß Ostern in Wahrheit „ein Sprung in eine neue Ordnung“ sei, „der uns angeht und die ganze Geschichte betrifft“. Wie sehr das zutrifft, können wir nach dem oben Dargelegten vielleicht ein bißchen besser verstehen.

Herzlich grüßt Sie mit den besten Wünschen für Sie und Ihre Angehörigen zum hochheiligen Osterfest

Ihr

K.-P. Vosen
(Pastor an St. Aposteln / Seelsorger an St. Maria in der Kupfergasse, Köln)
 

 

aktualisiert am: 30.03.2017

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